Die Schattenseiten der ETF

ETF werden immer beliebter. Seit Jahren fließen immer mehr Gelder von privaten und institutionellen Investoren in die kostengünstigen Indexfonds. Seit 2008 hat sich die Summe, die ETF verwalten, mehr als verzehnfacht. Doch die wachsende Bedeutung der Produkte hat auch unerwünschte Nebenwirkungen.

Immer mehr Investoren setzen auf ETF. Kleinanleger kaufen die Indexfonds und nutzen die Möglichkeit, mit kleinen Summen oder regelmäßigen Sparplänen in die Kapitalmärkte zu investieren. Große institutionelle Anleger nutzen die Anlagevehikel, um schnell und kostengünstig in die Märkte ein- und aussteigen zu können.

Durch die vielen Vorteile von ETF sind in den letzten Jahren gewaltige Summen in diese Produkte geflossen. In den letzten zehn Jahren hat sich das globale ETF-Volumen mehr als verzehnfacht. In diesem Jahr dürfte bereits an der Marke von 10 Billionen Dollar Volumen gekratzt werden.

Die Schattenseiten der ETF

Auch beim Marktanteil holen die ETF stetig auf und stehen für einen immer größeren Anteil am gesamten Kapitalmarkt. Dies hat aber nicht nur Vorteile. Die Nachteile der Indexfonds sind dabei quasi systembedingt: ETF bilden den zugrunde liegenden Index immer 1:1 nach. Indizes werden in der Regel nach Marktwerten gewichtet. Je mehr ein Unternehmen wert ist, desto höher das Gewicht im Index.

ETF müssen also immer am meisten Aktien der Unternehmen kaufen, die ohnehin bereits am größten sind. Kleinere, innovative Unternehmen werden so systematisch benachteiligt – Größe erzeugt also mehr Größe, da immer mehr Geld in die großen Titel fließt.

Gleichzeitig ist es für den ETF unerheblich, ob das Management eines in einem Index enthaltenen Unternehmen verantwortungsvoll mit dem Geld der Anleger umgeht. Auch die Entwicklung von Umsatz und Gewinn sind unerheblich, ebenso die Strategie für die kommenden Jahre. Einzig und allein die Indexzugehörigkeit ist das maßgebliche Investitionskriterium.

Aktive Investoren haben durch ihre Entscheidungsfreiheit bei der Auswahl der Investitionsobjekte auch immer die Möglichkeit, sich nicht für ein bestimmtes Unternehmen zu entscheiden und über diese Funktion auch Druck auf das Management von börsennotierten Unternehmen auszuüben, Veränderungen anzustoßen. Diese Lenkungsfunktion fehlt dem ETF-Anleger. Das Geld der Anleger wird mit der Gießkanne auf alle Unternehmen verteilt.

So war beispielsweise Wirecard so lange in allen DAX-ETF enthalten, bis die Deutsche Börse den Entschluss gefasst hatte, das Unternehmen aus dem Index zu entfernen. Dies geschah allerdings erst zwei Monate, nachdem Wirecard Insolvenz angemeldet hatte.

Weitere unerwünschte Nebeneffekte

Auch bei dem kürzlich gescheiterten Übernahmeversuch der Deutsche Wohnen durch Vonovia spielten ETF eine Rolle. Rechnet man die Bestände aller Indexfonds zusammen, halten diese Anlagevehikel ca. 20 Prozent aller Aktien des Übernahmeobjektes.

Eine Unternehmensübernahme hat Auswirkungen auf die Indexzusammensetzung. So kann sich der Käufer das übernommene Unternehmen einverleiben oder es mit anderen, bestehenden Beteiligungen verschmelzen – beide Fälle beeinflussen die Indexzusammenstellung. Daher enthalten sich alle ETF-Anbieter bei diesen Entscheidungen der Stimme und richten sich nach der Entscheidung der aktiven Anleger.

Bei dem Übernahmeversuch von Vonovia scheiterte diese Abstimmung denkbar knapp. Ein wichtiger Faktor bei dieser Frage war der vergleichsweise hohe Anteil der ETF-Anbieter.

Steigt der Marktenteil der Indexfonds weiter, wird es zukünftig immer schwieriger, die Zustimmung einer Mehrheit der Aktionäre für ein solches Vorhaben zu gewinnen. Es gibt dann einfach nicht mehr genug Investoren, die überhaupt abstimmen dürfen, um eine Mehrheit der Stimmen zu erreichen.

Die Passivität der ETFs verhindert somit Übernahmen und wirkt sich auf die Zusammenstellung des Index aus – ein nicht zu lösender Widerspruch.

Nicht alles Gold, was glänzt

Der Siegeszug der Indexfonds dürfte auch in den kommenden Jahren weitergehen. Und es gibt auch viele Gründe, die für einen Einsatz von ETF in den Portfolios von Anlegern sprechen: einfaches, kostengünstiges Anlegen, Risikostreuung und noch einiges mehr. Es gibt aber auch Schattenseiten dieser Produkte, die man im Auge behalten sollte.

Möglicherweise gibt es irgendwann in der Zukunft den Punkt, an dem die Nachteile überwiegen und das Pendel am Kapitalmarkt wieder in die andere Richtung ausschlägt. Dann dürfte wieder die Stunde der aktiven Investoren schlagen.